Feedback-Projekt der SchülerInnenkammer mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

- Die Ergebnisse sind inzwischen als Buch erschienen:
Bastian/Combe/Langer: Feedback-Methoden. Erprobte Konzepte, evaluierte Erfahrungen. Beltz Verlag Weinheim und Basel 2003,
179 S., € 19,90
Bewertung des Unterrichts und der Lehrerinnen und Lehrer durch die Schülerinnen und Schüler" hieß eine der Forderungen auf dem ersten SchülerInnenforum vom Mai `99, mit der rund einhundert Schulsprecherinnen und Schulsprecher deutlich machten, dass guter Unterricht nur zustande kommen kann, wenn Schülerinnen und Schüler zusammen mit ihren Lehrer innen und Lehrern Kriterien für den Unterricht festlegen. Wenn Schülerinnen und Schüler also auch mitbestimmen können, wie der Unterricht abläuft.
Schülerinnen und Schüler müssen es zur Zeit meistens hinnehmen, dass ihre eigenen Wünsche und Ansprüche interessanten und ansprechend gestalteten Unterricht nicht ernst genommen werden. Oft gibt es nicht einmal Raum und Zeit, derartige Wünsche zu äußern.
Dies führt unweigerlich zur Resignation der Schülerinnen und Schüler - nach dem Motto: Ändern kann man ja eh nichts, wozu sich also weiter einbringen.
Viele Schülerinnen und Schüler haben Angst, am Unterricht zu nörgeln. Sie befürchten dadurch schlechter benotet zu werden.
Doch genau so viel Angst haben anscheinend die Lehrerinnen und Lehrer vor der Beurteilung durch ihre Schülerinnen und Schüler. Das mag zunächst paradox klingen- haben doch gerade Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Beruf wie in kaum einem anderem mit Beurteilungen zu tun. Doch trotzdem existieren Ängste, wenn es um die Beurteilung der Person geht.
Das mag von daher verständlich sein, dass Lehrerinnen und Lehrer über bestimmte Privilegien verfügen, die etwas, was auf dem normalen Arbeitsmarkt selbstverständlich ist, bisher ausschlossen: die Bewertung der eigenen Arbeit, der Vergleich mit anderen.
Daher gilt es, die Ängste der Lehrerinnen und Lehrer zunächst einmal zu akzeptieren, um sie dann abzubauen. Denn dass derartige Furcht unnötig ist, zeigt die Praxis. Schülerinnen und Schüler, deren Lehrerinnen und Lehrer ein Feedback zulassen oder sogar erwünschen, bringen sich interessierter und engagierter in den Unterricht ein, wenn sie merken, dass sie ernst genommen werden. Den Lehrerinnen und Lehrern bietet sich hierbei die Chance, in Erfahrung zu bringen, wie ihr Unterricht auf die Schülerinnen und Schüler wirkt. Außerdem können sie ihr Verständnis für die Wertmaßstäbe von Schülerinnen und Schüler erweitern. Lehrerinnen und Lehrer, die Feedback zulassen, gelten bei ihren Schülerinnen und Schüler als starke Persönlichkeiten, unabhängig davon, ob diese sie mögen oder nicht. Die durch die gemeinsamen Dialog entstehenden und spürbaren Erfolge führen zu einem angenehmeren Lernklima und bewirken gleichzeitig das entstehen einer Vertrauensbasis.
Auf beiden Seiten - sowohl bei Schülerinnen und Schülern als auch bei Lehrerinnen und Lehrern - gibt es großes Interesse, der Forderung nach Beurteilung der Lehrerinnen und Lehrer durch die Schülerinnen und Schüler nachzukommen. So entstand aus der Forderung des ersten SchülerInnenforums ein gemeinsames Projekt der SchülerInnenkammer Hamburg und der GEW Hamburg. Wissenschaftlich begleitet von den Erziehungswissenschaftlern Johannens Bastian und Arno Combe soll nun an vier Schulen ein Pilotprojekt gestartet werden, das sich zum Ziel gesetzt hat, Möglichkeiten des SchülerInnen-Feedbacks zu erarbeiten. Gerade von Seiten der Schülerinnen und Schüler war das Interesse, an diesem Projekt teilzunehmen sehr groß. Bereits in diesem Schuljahr soll das SchülerInnen- Feedback an den beteiligten Schulen in die erste Runde gehen.
Bei dem Projekt geht es allerdings nicht darum, die Rollen im Klassenzimmer einfach zu tauschen, und den Lehrerinnen und Lehrern Noten zu vergeben, sondern darum, gemeinsam Verfahren und Methoden für Unterrichtsentwicklung und -evaluation zu entwickeln. Dies trägt in hohem Maße zu Demokratisierung von Schule bei. Wir hoffen, dass wir damit eine Feedbackkultur ins Rollen bringen, die nach und nach zu einer Selbstverständlichkeit im Klassenzimmer wird.
Feedbackkultur braucht Zeit
"Wir wünschen uns eine Schule, in der Demokratie gelebt wird. Eine Schule, die maßgebliche von Schülerinnen und Schülern gestaltet wird. Demokratie in der Schule ist Mitbestimmung durch die Beteiligten... Wir wünschen uns eine Schule, in der Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer miteinander kommunizieren, sich absprechen und ein gemeinsames Vertrauensverhältnis aufbauen. Lehrerinnen und Lehrer (...) entwickeln in gemeinsamer Abstimmung ihre Unterrichtskonzepte und werten Fragebögen aus, in denen Schülerinnen und Schüler ihren Unterricht bewerten...."
Mit diesen Ergebnissen der Hamburger SchülerInnenforen hatte sich die Hamburger GEW im Herbst 99 auseinanderzusetzen. Das war kein Selbstgänger, ist das Thema doch lehrerseits mit vielen Ängsten besetzt. Dazu kam: Es fand in einem Diskussionsumfeld statt, in dem Kultusbürokratien und Politik zunehmend darüber nachdachten Leistungslohn, Beförderungen, Sanktionen auch von Schülerbeurteilung abhängig zu machen. Doch gab es nach ausführlicher Diskussion auch in der GEW keinen Zweifel daran, dass gemeinsam mit der Schülerkammer ein wissenschaftlich begleitetes Projekt über Feedback-Verfahren initiiert werden soll, das die Verbesserung des Unterrichts zum Ziel hat. Wir gehen davon aus, dass die Entwicklung von Schule und Unterricht nur davon leben kann, ob und wie die Beteiligten sie wollen und tragen. Nimmt man diesen Sachverhalt ernst, dann liegt es nahe, dass SchülerInnen und LehrerInnen gemeinsam Kriterien für guten Unterricht und Verfahren für eine stärkende und vertrauensvolle Feedback-Kultur erarbeiten.
Dabei geht es nicht um eine Vermischung der jeweils unterschiedlichen Rollen von LehrerInnen und SchülerInnen. Die gemeinsame Evaluation von Unterricht soll auch dazu beitragen, das jeweils Besondere der unterschiedlichen Rollen im Lernprozess transparent und diskutierbar zu machen.
Für LehrerInnen bietet SchülerInnenrückmeldung die Chance, Informationen zu bekommen und das Verständnis zu modifizieren und zu erweitern für:
- die Wirkung ihrer Unterrichtsgestaltung;
- den Grad, in dem sie angestrebte Ziele erreicht haben;
- Interaktionsprozesse im Unterricht;
- die Lebenswelt und Wertmaßstäbe der SchülerInnen.
Für die SchülerInnen bietet die Erarbeitung von Rückmeldungen die Chance, die pädagogischen Ziele der Unterrichtsplanung, Bewertungskriterien und Entscheidungsfindung der LehrerInnen nachzuvollziehen und verstehen zu lernen und so Mitverantwortung für den Unterricht zu übernehmen. Gleichzeitig wird durch eine systematische Reflexion von Unterricht die Urteils- und Planungsfähigkeit unterstützt.
Beide Seiten können vom Gelingen der SchülerInnenrückmeldung dadurch profitieren, dass
- ihre Selbstbilder und Selbsteinschätzungen realistischer werden und sich stärker mit den Fremdeinschätzungen decken;
- sie ihr Verständnis füreinander vertiefen und
- sie spürbare Erfolge hinsichtlich der Verbesserung der Unterrichtspraxis erzielen.
Methoden, Verfahren und Fragestellungen werden in einem auf 2 Jahren angelegten Projekt zwischen beteiligten LehrerInnen und SchülerInnen gemeinsam entwickelt, erprobt und evaluiert. Eine zentrale Projektgruppe koordiniert und verbreitet die Erfahrungen. Unnötig zu betonen, dass die Basis für die Teilnahme am Projekt auf Freiwilligkeit und Transparenz beruht.
Die Initiatoren erhoffen und erwarten, dass über positive Ergebnisse und deren Veröffentlichung Akzeptanz für regelmäßige Feedback-Verfahren hergestellt wird und somit eine Feedback-Kultur Einzug in die Schulen halten kann. Schülerrückmeldung soll so einen Beitrag zur Demokratisierung der Schulentwicklung leisten.
Wir verzichten an dieser Stelle auf die Darstellung erster Ergebnisse. Allerdings zeichnen sich bereits heute einige zentrale Probleme und Erkenntnisse ab:
- Obwohl die hiesige Schulbehörde das Projekt mit viel Wohlwollen begleitet hat, gibt es nun ein erhebliches Störmanöver. Im Rahmen der Dienstrechtsreform arbeitet die Behörde an der Veränderung von Lehrerbeurteilungsverfahren, die Grundlage für Potenzialanalysen und Leistungslohn sein sollen. Der momentan breit in die Diskussion gebrachte Richtlinienentwurf sieht vor, dass auch Schülerfeedback die Grundlage für Beurteilung sein soll. Dies ist das Gegenteil von unserem Ansatz der gemeinsamen Entwicklung von Verfahren zu Verbesserung des Unterrichts. Das zeigt: Im bildungspolitischen Raum gibt es derzeit ein Ringen um die Füllung des Begriffs "Feedback-Kultur" und der damit zu verfolgenden Ziele.
- Im Rahmen der Arbeit der Projektgruppe ist es nicht befriedigend gelungen, die SchülerInnen aus den beteiligten Klassen regelmäßig und gleichberechtigt einzubeziehen, das heißt: Die LehrerInnen dominieren die Reflexion der Arbeit. Deshalb werden die SchülerkammervertreterInnen beteiligte Klassen gesondert und ohne Lehrer zu ihren Erfahrungen befragen.
- Das Ergebnis des Projektes wird wohl nicht ein leicht umsetzbarer Verfahrenskatalog sein. Es zeichnet sich ab, dass wir zwar bestimmte Verfahren und Methoden zur Anregung werden anbieten können, dass aber jede Klasse mit ihren LehrerInnen eigene Wege zur Konkretisierung und Umsetzung finden wird und muss.
- Die größte Herausforderung wird die anschließende großflächige breitgetragene Installierung einer Feedback-Kultur sein. Momentan steht diesem Anspruch eine Schulwirklichkeit gegenüber, in der ausgereifte gründliche Feedback-Verfahren als Zeitverschwendung, als Störung des eigentlichen Unterrichtens empfunden werden. Es geht also langfristig um nicht mehr und nicht weniger als darum, ein Verständnis von modernem Unterricht, Lehren und Lernen zu entwickeln, das die gemeinsame Unterrichtsentwicklung und -reflektion als Bestandteil und Grundlage für guten Unterricht versteht.
Anna Ammonn (GEW Hamburg)
Heike Wendt (SchülerInnenkammer Hamburg)
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