Forderungen des 4. SchülerInnenforums
Am 28. Februar 2001 trafen wir - 60 Schülerinnen und Schüler Hamburger Oberstufen – uns im Institut für Lehrerfortbildung. Der Grund: an der jetzigen Form der Oberstufe gibt es viel Kritik. Zu wenige oder zu große Kurse, weite Wege zu kooperierenden Schulen, zu komplizierte Wahlauflagen. Beim 4. SchülerInnenforum ging es darum, die Probleme zu benennen und Vorschläge zur Lösung zu erarbeiten. Nach einem Tag in unterschiedlichen Arbeitsgruppen haben wir unsere Vision einer guten Oberstufe entwickelt und präsentieren nun unsere Vorschläge und Forderungen.
Unsere Forderungen im Einzelnen stellen wir auf den folgenden Seiten dar.
Wir wünschen uns die Abkehr von kleinen Oberstufen und den Aufbau von großen Oberstufenzentren.
Eine gute Oberstufe soll Kurse anbieten, mit denen die Interessen aller Schülerinnen und Schüler befriedigt werden können. Das heißt auch, dass Schülerinnen und Schüler das Kursangebot mitbestimmen können. Die Schule muss flexibel reagieren und die Möglichkeit haben, Zusatzkurse für bestimmte Lerninteressen einzurichten.
In der von uns geforderten Oberstufe wählen Schülerinnen und Schüler zusätzlich Fächerbausteine, in denen über Fächergrenzen hinweg gelernt wird. Gelernt wird in festen Gruppen, da in Gemeinschaft besser und mit mehr Motivation gearbeitet werden kann.
Interessen- und Intensivkurse fördern lernstarke und lernschwache Schülerinnen und Schüler. Alle Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, nach der zehnten Klasse außerhalb der Schule Erfahrungen zu sammeln – im Ausland, in einem Betrieb, einer sozialen Einrichtung oder in einem freien Jahr.
Die Oberstufe wie wir sie fordern soll Raum zum eigenständigen Lernen bieten. Auch nachmittags können Schülerinnen und Schüler in die Schule kommen, zum Beispiel um die Bibliothek zu nutzen oder Materialien zu kopieren.
1. Einrichtung von Oberstufenzentren
In Hamburgs Oberstufen haben die Schülerinnen und Schüler oft nicht die Möglichkeit, ihre gewünschte Fächerkombination zu belegen, da es ein zu geringes Kursangebot an den einzelnen Oberstufen gibt. Belegen Schülerinnen und Schüler einen Kurs, der nur an einer anderen Schule angeboten wird, kommt es zu großen Organisationsschwierigkeiten oder der Kurs kann nicht wahrgenommen werden.
Forderung:
Es muss gewährleistet werden, dass jede Schülerin und jeder Schüler die gewünschte Fächerkombination an seiner/ihrer Oberstufe belegen kann. Das kann nur durch große Oberstufenzentren gewährleistet werden. Da in diesen Zentren nur OberstufenschülerInnen unterrichtet werden, ist eine sinnvollere Nutzung der Ausstattung und ein gezielterer und effektiverer Einsatz von Lehrkräften möglich. Die Organsation insbesondere fächerübergreifenden Unterrichts wird erleichtert.
Natürlich müssen die SchülerInnenvertretungsstrukturen an den Unter- und Mittelstufen der neuen Situation angepasst werden.
2. Erhalt und Flexibilisierung der Vorstufe
Bislang entspricht die Vorstufe in der jetzigen Form nicht ausreichend ihrer Zielsetzung, nämlich der Vorbereitung auf die Studienstufe.
Sie ist vielmehr ein Schuljahr mit sehr widersprüchlichen Anforderungen. So ist für viele Schüler der Unterrichtsstoff lediglich Wiederholung, hingegen ist er für andere vollkommen neu. Für beide Gruppen von Schülerinnen und Schülern stellt dies eine Benachteiligung dar: auf leistungsschwache Schülerinnen und Schüler kann nicht in ausreichendem Maße eingegangen werden, Leistungsstarke können mit der notwendigen Rücksichtnahme auf die Schwächeren nicht entsprechend gefördert werden.
Die Aufteilung in Grund- und Ergänzungskurse führt außerdem bislang dazu, dass die Lerngruppen nur wenige Stunden gemeinsam unterrichtet werden, nämlich in den Pflichtfächern.
Forderung:
Um den einzelnen Schülerinnen und Schülern besser gerecht zu werden, sollen Neigungsschwerpunkte gebildet werden können. Das bisherige System der Grund- und Ergänzungskurse soll ersetzt werden durch ein System von Interessen- und Intensivkursen.
Dazu kann unter drei Kursarten gewählt werden:
- vierstündige Intensivkurse für Schülerinnen und Schüler mit Nachholbedarf,
- vierstündige Interessenkurse für leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler oder
- normale dreistündige Grundkurse für Schülerinnen und Schüler mit durchschnittlichem Leistungsstand.
Dieses System wird die Bildung von Lerngruppen auf gleichem Niveau ermöglichen. Zudem kann auf die individuellen Bedürfnisse aller Schüler besser eingegangen werden.
Außerdem wird ein besserer Einblick in das Kurssystem der Studienstufe mit ihrer Unterscheidung in Grund- und Leistungskurse vermittelt.
3. Fächerübergreifender Unterricht
Durch die strukturelle und inhaltliche Trennung der einzelnen Unterrichtsfächer wie im bisherigen Kurssytem kommt es zu einer starken Fixierung auf begrenzte Wissensgebiete und zum Verlust des Realitätsbezuges vieler Fächer. Dieses einseitige Lernen wird durch die mangelnde Absprache zwischen vielen Lehrerinnen und Lehrern verstärkt.
Die Fächergrenzen verhindern oft das Denken in größeren Zusammenhängen.
Forderung:
Wir fordern fächerübergreifenden Unterricht.
Ein System von Fächerbausteinen mit je zwei bis drei kombinierten Fächern ermöglicht unsere Vorstellung vom Lernen in größeren Zusammenhängen. Oberstufenzentren ermöglichen, dass jede Schülerin und jeder Schüler zwei bis drei Fächerbausteine wählen und trotzdem noch den individuellen Neigungen gerecht werden kann. Diese Fächerbausteine werden von Lehrteams geleitet und betreut. Durch das Lernen in festen Bezugsgruppen wird die Gemeinschaft innerhalb der Lerngruppen gestärkt. Dies wirkt auch der entstehenden Anonymität der großen Oberstufenzentren entgegen. Durch die Fächerbausteine werden Projektarbeiten begünstigt. Projektarbeiten fördern ein selbstständiges und selbstbestimmtes Lernen.
4. Offene Schule
Die vielfältigen Ressourcen der Schulen, wie z.B. Bibliotheken, Kunst- und Werkräume, Computerräume, naturwissenschaftliche Sammlungen und Fotolabors, sind in der Regel nachmittags oder in Freistunden nicht zugänglich. Dies verhindert eigenständiges Arbeiten der Schülerinnen und Schüler; oftmals werden eben diese Ressourcen benötigt, oder sind zumindest sehr wertvoll, um auch von der Schule gestellte Aufgaben, etwa im Kunstunterricht, zu bearbeiten.
Forderung:
Wir fordern den freien Zugang zu den Materialien, Angeboten und Einrichtungen der Schulen. Die Schule soll den Schülerinnen und Schülern auch nachmittags offen stehen, um dort selbstständiges Arbeiten zu ermöglichen. Die Schülerinnen und Schüler können durch diese Öffnung ihren außerunterrichtlichen Interessen sowie auch schulischen Aufgaben besser nachgehen. Eine Öffnung der Schulen ermöglicht allen Schülerinnen und Schülern unter den gleichen Rahmenbedingungen lernen zu können und bietet Möglichkeiten, die aus finanziellen Gründen nicht allen Schülerinnen und Schülern zugänglich sind.
Offene Schule fördert selbständiges und selbstbestimmtes Lernen.
5. Frei nutzbares Jahr nach Klasse 10
Schon vor Eintritt in die Oberstufe sollen Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit erhalten, intensiv auch außerhalb der Schule Erfahrungen zu sammeln. Dies geschieht bisher im Wesentlichen durch Auslandsaufenthalte, die jedoch nur wenige SchülerInnen durchführen.
Forderung:
Wir fordern, dass ein Jahr nach der zehnten Klasse jedem Schüler frei zur Verfügung steht. In diesem Jahr kann - wie bisher – an einem Austauschprogramm teilgenommen werden, es kann aber auch ein Betriebspraktikum absolviert oder ein freies Jahr genommen werden. Hierfür müssen durch die Schulbehörde weitere Anreize geschaffen werden. Natürlich kann die VS auch normal durchlaufen werden. Dies trägt zur Flexibilisierung der Vorstufe bei. Die VS soll nicht mehr wie bisher oft als Bummeljahr oder notwendiges Übel verstanden werden, sondern sie soll vielfältige Chancen eröffnen und so wieder attraktiver werden. Wer gleich in die Studienstufe eintritt, muss mit speziellen Kursen gezielt über die Struktur aufgeklärt werden.
6. Bessere Information sowie Mitgestaltung und Mitbestimmung des Kursangebots
In der Gymnasialen Oberstufe, die auch die Selbständigkeit der Schülerinnen und Schüler fördern muss, passiert es leider zu oft, dass Strukturen wie z. B. das Dickicht von Wahlauflagen nicht leicht zu durchschauen sind. Mancher kann so die Chancen der Gymnasialen Oberstufe nicht nutzen. Zu oft findet der Anspruch methodisches Arbeiten zu fördern seine Grenzen im Frontalunterricht. Gerade wegen des Kurssystems sind die Informationswege zu den Schülerinnen und Schülern umständlich und oft nicht effektiv.
Forderung:
Die Oberstufe muss transparenter gestaltet werden. Jede Schülerin und jeder Schüler muss die Struktur der Gymnasialen Oberstufe begreiflich gemacht werden. Hinzu kommen muss selbstständiges Lernen, wie z. B. durch offene Schule und auch im fächerübergreifenden Unterricht an allen hamburgischen Oberstufen. JedeR muss für sich selbst entscheiden, wie sie/er etwas lernt und präsentiert.
Wir fordern, dass SchülerInnen schon bei den Kurswahlen über die Lehrerinnen und Lehrer sowie die Themen der einzelnen Kurse informiert werden. Das notwendige Größe der Kurse wird durch die großen Oberstufen gewährleistet.
Wir fordern außerdem, dass für Gruppen mit bestimmten Lerninteressen ein entsprechender Kurs eingerichtet wird. Dieser Kurs soll in seinem Rahmen den bestehenden Kursen entsprechen und auch im Wahlbereich angesiedelt sein. Für die Umsetzung dieses Kurses muss die Schule sorgen.
7. Aufbau und Bildung schulischer Gemeinschaften
Da in der Oberstufe im Kurssystem unterrichtet wird, brechen lange gewachsene Gemeinschaften und Gruppen auseinander. Dabei darf auch in der Oberstufe keine Anonymität entstehen. In der Studienstufe sind bisher die einzigen künstlich konzipierten Gemeinschaften die Tutgruppen.
Forderung:
Wir fordern zur Stärkung des außerunterrichtlichen Zusammenhalts der Schülerinnen und Schüler in der Gymnasialen Oberstufe die Wiedereinführung der Tutstunden. Dieser Forderung aus den ersten beiden Foren soll hier noch einmal ausdrücklich Nachdruck verliehen werden. Durch die Tutstunden können Probleme mit Lehrerinnen und Lehrern, sowie Mitschülerinnen und Mitschülern aber auch organisatorische Fragen schneller behandelt werden.
Zur Stärkung des innerunterrichtlichen Zusammenhalts betonen wir die Forderung nach fächerübergreifendem Unterricht. Durch Fächerbausteine kann ein viel vertrauteres Lernklima entstehen als in den bisherigen, vollständig unabhängigen, Kursen. Dadurch wird das Lernverhalten und die Motivation gesteigert.
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