Forderungen des 3. SchülerInnenforums
Wir wollen eine berufliche Schule, die uns bestmöglich auf unser späteres Leben in Beruf und Gesellschaft vorbereitet. Es muss eine Schule sein, in der wir uns wohlfühlen und die uns fordert. Sie muss uns - ihren Schülerinnen und Schülern - das Gefühl geben, ernst genommen zu werden. In der beruflichen Schule, die wir uns wünschen, arbeiten wir gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern - im Unterricht, in Schulforen und manchmal auch in den Betrieben selbst. Lehrerinnen und Lehrer machen dort genauso wie wir Berufspraktika.
Es gibt in unserer Schule Medienräume, die ständig zugänglich sind, für jeden Schüler und für jede Schülerin gibt es einen eigenen PC. Schule macht uns Spaß, denn sie ist so organisiert, dass es keinen Prüfungsstress, wenig Unterrichtsausfall und viele gemeinsame Aktivitäten gibt.
nsere Lehrerinnen und Lehrer lassen sich regelmäßig fortbilden und geben das Erlernte an uns weiter. Unterricht orientiert sich an dem, was uns gefällt. Er ist praxisnah und regt uns zum Weiterdenken an.
Am 17. Mai 2000 trafen wir - 50 Schülerinnen und Schüler der beruflichen Schulen - uns zum dritten SchülerInnenforum. Wir arbeiteten einen Tag lang und entwickelten Ideen, Wünsche und letztlich zehn Forderungen, wie wir uns unsere Schule vorstellen.
Jetzt freuen wir uns auf die Diskussion mit der Öffentlichkeit und die Kommentierung unserer Forderungen durch die neue Schulsenatorin. Wir sind gespannt, wie unsere Ideen in Planungen der Behörde einfließen.
Vorweg möchten wir noch einen uns wichtigen Punkt nennen: Wir wünschen uns, dass an allen Schulen regelmäßig Schulforen stattfinden, die ähnlich organisiert sind wie das SchülerInnenforum. Hierbei sollen schulinterne Probleme ans Licht gebracht werden und nach Mitteln zur Verbesserung gesucht werden. Die Umsetzung der Ergebnisse muss von einer Arbeitsgruppe aus Schülerinnen und Schülern, der Schulleitung, den Abteilungsleitungen sowie ggf. Vertreterinnen und Vertretern der Betriebe vorangetrieben werden. Die Ergebnisse müssen außerdem ins Schulprogramm einfließen.
Hier nun unsere 10 Forderungen:
1. Bessere Berufsvorbereitung und Berufspraktika
Insbesondere für Schülerinnen und Schüler beruflicher Schulen ohne gleichzeitige Ausbildung im Betrieb ist der Einblick in die reale Berufswelt wichtig und erforderlich. So können Schülerinnen und Schüler feststellen, ob sie im gewünschten Beruf ihre Ziele realisieren können. Bisher ist dieser Einblick an vielen Schulen nicht möglich. Schülerinnen und Schülern fehlt somit ein wichtiger Eindruck der Berufspraxis.
Forderung:
Schülerinnen und Schüler, die nicht im Betrieb ausgebildet werden, müssen einmal pro Jahr die Möglichkeit erhalten, ein Praktikum zu machen. Außerdem muss auch an beruflichen Schulen die Berufsberatung verstärkt werden, um Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, sich im gewählten Berufsfeld zu orientieren. Auch in den allgemeinbildenden Schulen müssen Schülerinnen und Schüler mindestens zwei Berufspraktika machen können. Außerdem muss hier der berufsvorbereitende Anteil im Unterricht gestärkt werden.
2. Bessere Zusammenarbeit zwischen Schule und Betrieb
Die Kommunikation zwischen Schule und Betrieb funktioniert nicht ausreichend. Die Betriebe erfahren oft nichts oder nicht rechtzeitig von Planungen der Schulen wie zum Beispiel Klausurenplänen, Klassenreisen, Projektwochen, SV-Wahlen oder Sitzungen der Vertretungsgremien. Die Schulen werden oft nicht ausreichend über Vorhaben der Betriebe informiert (z.B. Fortbildungen). Es ist dann bisher Sache der Schülerinnen und Schüler, zwischen Betrieb und Schule zu koordinieren.
Forderung:
Schule und Betrieb informieren sich einmal monatlich über die eigenen Planungen und Vorhaben. Zu Beginn des Schuljahres erstellt die Schule eine grobe Jahresplanung, die alle Betriebe erhalten. Außerdem finden regelmäßige Gesprächsrunden statt, um Probleme zu erörtern.
3. Verpflichtende Fortbildung für Lehrerinnen und Lehrer / Lehrerpraktika
Unterricht an beruflichen Schulen läuft häufig nicht praxisbezogen genug ab. In vielen Fällen wird auch eine veraltete Praxis vermittelt - sowohl, was die Inhalte als auch was die Methodik angeht. Gerade an beruflichen Schulen ist dies nicht tragbar. Viele Lehrerinnen und Lehrer haben den Beruf, den ihre Schülerinnen erlernen, nie aus eigener Erfahrung kennengelernt.
Forderung:
Lehrerinnen und Lehrer der beruflichen Schulen müssen regelmäßig Praktika in Betrieben ableisten. Dies ist nicht nur für die Schülerinnen und Schüler von Vorteil, sondern auch für die Lehrerinnen und Lehrern selbst. Bereits in der Lehrerausbildung muss den Lehrerinnen und Lehrern vermittelt werden, welche zentrale Bedeutung eine regelmäßige Fortbildung hat. Alle Lehrerinnen und Lehrer müssen verpflichtet werden, pro Jahr ein bestimmtes Kontingent an Fortbildungsstunden abzuleisten.
4. Bessere Förderung lernschwacher und lernstarker SchülerInnen
Schülerinnen und Schüler an beruflichen Schulen haben oft unterschiedliche Schulabschlüsse und dadurch bedingt ein unterschiedliches Bildungsniveau. Dennoch existieren zurzeit keine Fördermaßnahmen. Lernschwache Schülerinnen und Schüler verlieren so nach einiger Zeit den Anschluss, lernstarke Schülerinnen und Schüler verlieren die Motivation, da sie nicht ausreichend gefordert werden.
Forderung:
Es müssen getrennte Kurse für lernstarke und lernschwache Schülerinnen und Schüler eingerichtet werden (z.B. A- und B-Kurse), die jeweils ein unterschiedliches Lernniveau voraussetzen. Allerdings sollte in beiden Kurse nach einem einheitlichen Bewertungssystem bewertet werden, es soll also keine „A“- und „B“-Noten geben. Außerdem müssen Zusatzkurse angeboten werden, während derer einige Schülerinnen und Schüler gezielter gefördert werden können.
5. Umorganisieren der Prüfungen und Klassenarbeiten
Prüfungen und Arbeiten sind oftmals nicht gleichmäßig übers Schuljahr verteilt. Das hat zur Folge, dass es bestimmte Zeiträume gibt, während derer sich Klausuren und Prüfungen in unangenehmen Maße häufen. Meistens geschieht dies am Ende des Schulhalbjahres. Während dieser Zeit sind sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch die Lehrerinnen und Lehrer mit dem zu Leistenden überfordert. Auch kommt es zu Konflikten mit Betrieben, die nicht ausreichend informiert waren.
Forderung:
Zu Beginn eines Jahres müssen in Absprache mit den Schülerinnen und Schülern sowie den Betrieben sämtliche Prüfungs- und Klausurtermine festgelegt werden. Die Bildungspläne sind dementsprechend zu gestalten, dass sowohl zu Beginn als auch am Ende einer Unterrichtseinheit je eine Prüfungsphase steht.
6. Mehr Mitbestimmung im Unterricht
Lehrerinnen und Lehrer, die aus Sicht ihrer Schülerinnen und Schüler schlecht unterrichten, sind nicht verpflichtet, ihren Unterricht zu ändern. An vielen beruflichen Schulen werden Anregungen von Schülerinnen und Schülern zur Verbesserung des Unterrichts oft nicht zugelassen oder sie werden ignoriert. Unterricht an beruflichen Schulen muss sich besonders an der späteren Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler orientieren. Das bedeutet auch, dass hier besonders auf die Wünsche und Interessen der Schülerinnen und Schüler eingegangen werden muss.
Forderung:
Mitsprache von Schülerinnen und Schülern muss - was die Inhalte und die Methodik des Unterrichts betrifft - neue Formen annehmen. Lehrerinnen und Lehrer müssen verpflichtet werden, ihren Unterricht regelmäßig von den Schülerinnen und Schülern bewerten zu lassen und die Ergebnisse in weitere Planungen einfließen zu lassen. Zuvor soll ein gemeinsames Gespräch über den Unterricht stattfinden. Dies geschieht während einer in den Bildungsplänen vorgesehenen Zeit, die auch zur Klärung von Problemen dient. Außerdem müssen die Hierarchiestrukturen in der Schule abgebaut werden. Was für die Schülerinnen und Schüler gilt, muss auch für Lehrerinnen und Lehrer gelten (Rauchverbot, Zuspätkommen).
7. Mitbestimmung bei der Geldverwaltung
Die Ausstattung der Schule ist vielfach nicht so oder wird nicht so genutzt, dass es den Interessen der Schülerinnen und Schüler entspricht. So gibt es z.B. Medienräume, diese sind jedoch nur während bestimmter stark begrenzter Zeiten zugänglich. Auch wird über die Anschaffung von Lehr- und Lernmitteln sowie die Gebäude- und Schulhofgestaltung häufig über die Köpfe der Schülerinnen und Schüler hinweg entschieden.
Forderung:
Schülerinnen und Schüler müssen an der Geldverwaltung der Schule beteiligt werden. Sie haben oftmals einen besseren Blick dafür, welche Materialien und Geräte sie benötigen und was überflüssig ist. Hiezu muss jede Schule eine Finanz-Arbeitsgruppe einrichten, an der auch Schülerinnen und Schüler beteiligt sind.
8. Intensivere Förderung der Schulgemeinschaft
Kommen Schülerinnen und Schüler neu auf eine berufliche Schule, finden in der Regel keine ausreichenden Einführungen in die Schule und das Schulleben statt. Die Schülerinnen und Schüler sind mit ihren Fragen oft allein gelassen. Schülerinnen und Schüler beruflicher Schulen identifizieren sich nur selten mit ihrer Schule. Es finden nur wenige Schulaktivitäten statt.
Forderung:
Alle Schulen müssen gesetzlich vorgesehene Freiräume für eigene Aktivitäten erhalten. Außerdem muss geregelt sein, dass alle Schulen für die Schülerinnen und Schüler der Anfangsjahrgänge Einführungstage anbieten. Während dieser Tage sollen die Schülerinnen und Schüler über das Angebot der Schule, über berufliche Möglichkeiten sowie ihre Rechte in Schule und Betrieb informiert werden. Die Schülerinnen und Schüler der höheren Klassenstufen übernehmen „Patenschaften“ für die neu an die Schule Gekommenen. Sie sind Ansprechparter/innen und können Fragen beantworten. Außerdem müssen alle Schulen mindestens einmal pro Jahr eine Projektwoche durchführen.
9. Effektive Gewaltprävention
An vielen Schulen gibt es Probleme mit Gewalt. Etliche Schulen gehen mit diesem Problem nicht offensiv um, sondern verschleiern es aus Angst vor einem möglichen Imageverlust. Die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer sind im Umgang mit Gewalt unsicher. Die Leidtragenden sind die Schülerinnen und Schüler.
Forderung:
Offensive Gewaltprävention muss bereits in der Grundschule ansetzen. Es müssen zum Beispiel verbindlich an allen Schulen durchzuführenden Gewaltpräventionstage stattfinden. Lehrerinnen und Lehrer müssen im Umgang mit Gewalt geschult werden und regelmäßig fortgebildet werden. Hinzu kommt die Ausbildung von Streitschlichtern sowohl auf LehrerInnen- als auch auf SchülerInnenseite. Schulen müssen Koordinationskreise mit Initiativen und Organisationan aus dem Stadtteil bilden. Hier können Probleme, die auch den Stadtteil betreffen, geklärt werden.
10. Vermeidung von Unterrichtsausfall, Rücknahme von Unterrichtskürzungen
An vielen Schulen fällt nach wie vor eine hohe Zahl an Unterrichtsstunden aus. Dies ist einerseits Folge der Kürzungen von LehrerInnenstellen, andererseits aber auch die einer schlechten Organisation. So werden Vertretungspläne oft nicht ständig aktualisiert und Schülerinnen und Schüler nicht rechtzeitig informiert. Auch die Information der Lehrerinnen und Lehrer ist unzureichend, so dass diese nicht immer für ihre Kolleginnen und Kollegen einspringen, obwohl dies möglich wäre. Zusätzlich wurden an einigen Schulen Unterrichtsstunden gekürzt. Dennoch muss in dieser verkürzten Zeit dasselbe Lernpensum geschafft werden wie vorher. Dies ist unmöglich und führt dazu, dass die Ausbildung sich qualitativ stark verschlechtert.
Forderung:
Über eine neue Vertretungsregelung müssen Schulen Vertretungsunterricht neu organisieren. Hiebei müssen alle Möglichkeiten zur Vermeidung des Unterrichtsausfalls berücksichtigt werden. An dieser Vertretungsregelung müssen auch Schülerinnen und Schüler beteiligt werden. Desweiteren müssen Unterrichtskürzungen, die die Ausbildung der Schülerinnen und Schüler enorm beeinträchtigen, zurückgenommen werden.
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