Volkspetition Bildung im Schulausschuss

von Alexander Heinz, NDR 90,3

Beitrag am 01.07.2003:

Das Schuljahr ist fast zu Ende, seit langem wurde nicht soviel über die Bildungspolitik gestritten wie in den letzten Wochen und Monaten. Gestern Nachmittag gab es ein ungewöhnliches Zusammentreffen. Erst ein Eltern- und Schülerprotest auf der Straße, dann kritische Eltern im Parlament, wo sich der Schulausschuss mit der Volkspetition Bildung befasste. Alexander Heinz fasst beides zusammen.

Einen Trauermarsch veranstalten Eltern und Schüler des Gymnasiums Heidberg in der Innenstadt. Trauermusik gibt keine, aber ein dumpfes Trommeln, als sich rund 400 Menschen auf dem Gänsemarkt versammeln. Viele tragen schwarze Schleier, schwarzes Kleid, schwarzen Anzug:

O-TON Vater:
"Wir wollen unsere Empörung mit diesem Trauermarsch kundtun, nicht eine lautstarke Protestkundgebung, sondern wirklich würdevoll etwas verabschieden".

In Säcke gehüllte Träger haben den Sarg abgestellt, auf ihm steht geschrieben, was nach Ansicht der Demonstranten im neuen Schuljahr fehlen wird: Klassenreisen, Projekte, persönliche Förderung.

O-TON Grabrede:
"Liebe Trauergemeinde. Ich fordere Sie nun alle auf, im Gedenken an die Schule, wie sie einmal war, eine Schweigeminute abzulegen und jeder für sich in stiller Trauer Abschied zu nehmen".

Schülerin Verena Mertz hat die Grabrede gehalten. Das geplante Lehrerarbeitszeitmodell und die damit verbundenen Kürzungen lehnt sie ab.

O-TON Verena März:
"Es wird alles, was einigermaßen Spaß macht, wegfallen müssen. Ich war sehr aktiv in einer Theatergruppe. Da haben wir über 300 Stunden reininvestiert, wo eigentlich nur 80 Stunden vorgesehen waren. Und das sind die Dinge, die einen persönlich weiterentwickeln. Und dass muss alles wegfallen".

Ortswechsel. Vor dem Hamburger Rathaus hat man Massen erwartet und deshalb vorsichtshalber den Eingang abgesperrt. Der Grund: Hier soll im Schulausschuss die Volkspetition "Bildung ist Menschenrecht" diskutiert werden. Mehr als 500 Besucher passen nicht in den Festsaal. Doch ein Glück: Mehr wollen auch gar nicht rein. Und diese Passantin muss spontan ihren Ärger über den ganzen Streit um die Schulpolitik und die Lehrerarbeit loswerden.

O-TON Krankenschwester:
"Ich arbeite als Krankenschwester. Ich darf auch nicht meckern. Ich finde das albern, was die Lehrer hier fabrizieren".

Die Frau ärgert sich über die Lehrer, die meisten Eltern jedoch, die ins Rathaus kommen, drückt der Schuh woanders.

O-TON Mutter:
"Mein Kind hatte eine Gymnasialempfehlung. Ich habe aus Überzeugung Gesamtschule gewählt. Ich bin sehr enttäuscht über die Verschlechterung der Lernbedingungen dort. Und laste das wirklich dem Senat an, dass dort ein Wahlversprechen nicht gehalten wurde".

Gut zwei Stunden tragen die Organisatoren der Volkspetition "Bildung ist Menschenrecht", ihre Anliegen vor. Sprechen über Kürzungen und größere Klassen. Und so mancher schöpft nach den zwei Stunden Mut:

O-TON Mutter:
"Ich habe Hoffnung, dass sich doch noch was tut. Weil es soviele engagierte Eltern gibt und Meinungsvertreter, die ihre Argumente gut vorgetragen haben. Ich bin ganz hoffnungsvoll".

Mit der Hoffnung auf Veränderung geht diese Frau in die Sommerferien und Bildungssenator Rudolf Lange hofft etwas anderes: Dass sich im neuen Schuljahr viele Ängste als unbegründet herausstellen werden.


Beitrag vom 30.06.2003

Vertreter von Eltern, Lehrern und Gewerkschaften haben heute im Schulausschuss der Hamburger Bürgerschaft Kürzungen in Schulen und Ausbildungsprogrammen für junge Menschen kritisiert. Nachdem bei der Volkspetition "Bildung ist Menschenrecht" über 40.000 Hamburger unterschrieben hatten, lud der Schulausschuss die Organisatoren der Petition ein. Alexander Heinz mit Informationen.

Das Rathaus war mit Strassensperren gesichert - Polizisten kontrollierten den Zugang zum Hamburger Parlamentsgebäude. Doch statt der zeitweise erwarteten 2.000 Menschen kamen rund 500 in den großen Festsaal ? und niemand mußte draußen bleiben, wie noch vor 2 Wochen. Da war die Sitzung zum Thema Volkspetition "Bildung ist Menschenrecht" wegen des zu kleinen Saales verschoben worden. Die Organisatoren der ersten Volkspetition, die es in Hamburg bislang gegeben hat, nutzten ihr Rederecht, um die Bildungspolitik der Hansestadt zu kritisieren: Sabine Boeddinghaus vom Hamburger Elternverein kritisierte größere Klassen und weniger Wahlmöglichkeiten für Oberstufenschüler. Ihr Fazit nach der Ausschusssitzung:

O-TON Boeddinghaus:
"Ich glaube, dass der Senat nicht mehr daran vorbei kann, dass die Elternbewegung durch alle Bevölkerungsschichten geht, dass sie unabhängig von Sympathien für Parteien durch alle Schulformen geht, und die Eltern sich zusammengeschlossen haben und für die Bildung ihrer Kinder kämpfen".

Die Vorsitzende der Gewerkschaft GEW , Stephanie Odenwald, forderte den Senat auf, die Priorität für den Bereich Bildung ernst zu nehmen. Statt neue Lehrer einzustellen sei ihre Zahl seit dem Regierungswechsel gesenkt worden. Bildungssenator Rudolf Lange meldete sich erst am Ende zu Wort und warb noch einmal für sein neues Lehrerarbeitszeitmodell. Dies werde sich als zukunftsweisend herausstellen.

 

 

 

 

 

 

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