Fragen:
Sandra Narloch
und
Annabelle Walter
Herr Manfred von Molié, Sie sind Kriminalhauptkommissar
bei der Hamburger Polizei. Wie lange existiert die SoKo Graffiti,
für die sie arbeiten, schon?
Die SoKo Graffiti gibt es seit 1995, zunächst nur für
den Bereich Ost, seit 1996 sind wir für ganz Hamburg zuständig.
Was sind die Aufgaben der SoKo?
Wir verfolgen Sachbeschädigungen, die im Zusammenhang mit
Graffiti stehen. Neben dem Schaden, der direkt durch das Besprayen
von öffentlichem oder privatem Eigentum entsteht, beschäftigen
wir uns auch mit der Begleitkriminalität. Dazu gehören
beispielsweise das Stehlen von Spraydosen oder auch Körperverletzungen
durch flüchtende Sprayer an Personen, die versuchten, sie aufzuhalten.
Wie kommt es zu solchen Taten?
Im Grunde sind die meisten Sprayer ganz normale Jugendliche und
keine aggressiven Kriminellen, aber sie geraten da in einen Kreislauf.
Aus Gesprächen wissen wir, dass das Sprayen wie eine Sucht
ist: man denkt nur noch an Graffiti, lebt für Graffiti. Durch
Graffiti kommt man in andere Bereiche, obwohl man eigentlich nur
Sprayen will. Um an das Geld für die Spraydosen zu kommen,
macht man dann Einbrüche oder Erpressungen.
Wie sieht ihre Arbeit genau aus?
Personen, deren Eigentum durch Graffitis beschädigt wurde,
melden sich bei uns und erstatten Anzeige. Dann wird der Schaden
per Fotografie festgehalten. Die Tags, die Künstlernamen der
Sprayer, die unter jedes Bild gesetzt werden, die wir dabei katalogisieren,
helfen uns später bei der Identifikation der Sprayer. Auf diese
Weise konnten wir bereits 2400 Täter namentlich festhalten.
Pro Woche erwischen wir etwa sechs bis acht Sprayer auf frischer
Tat. Dann durchsuchen wir unsere Aufzeichnungen danach, ob die Tags
der Gefassten bereits aufgetaucht sind, oder wir machen eine Hausdurchsuchung.
Obwohl wir eigentlich nur für das Strafrecht zuständig
sind, machen wir aber auch Präventionsarbeit. Wir führen
viele Gespräche mit den gefassten Sprayern und versuchen, ihnen
die Folgen ihres Tuns klar zu machen. Bei uns reibt sich keiner
die Hände wenn wieder ein Jugendlicher unglücklich gemacht
wurde. Wir wollen keine Sozialhilfeempfänger produzieren oder
Jugendlichen die Zukunft zerstören. Die meisten von uns haben
selbst Kinder. Wir versuchen, den Sprayern den rechten Weg zu zeigen.
Aber manchmal müssen wir auch böse sein.
Was gabe den Ausschlag, die SoKo zu gründen?
1995 wurde eine Umfrage durchgeführt, die feststellen sollte,
was die Hamburger in ihrer Stadt am meisten stört. Dabei kam
heraus, dass es die Unsauberkeit ist, die übrigens auch von
auswärtigen Besuchern bemerkt wurde. Die Graffitis haben auch
Auswirkungen auf die Wirtschaft: ein beschmiertes Einkaufszentrum
verliert Kunden, denn die Menschen fühlen sich an verschmutzten
Plätzen unwohl und entwickeln Ängste.
Was passiert mit Jugendlichen, die beim Sprayen gefasst werden?
Durch das Sprayen entstehen zwar enorme Sachschäden, es ist
aber im Vergleich zu einem Raubüberfall ein kleines Delikt.
Wird ein Sprayer ohne Vorstrafen zum ersten Mal gefasst, wir ein
abgeschwächten Strafverfahren eingeleitet. Zeigt er sich dabei
einsichtig, so erfolgt meist nur ein schriftlicher Verweis. Ein
Wiederholungstäter kann jedoch vor Gericht gebracht werden.
Wir sind übrigens stolz darauf, dass über n90 Prozent
der Gefassten nach ihrer Festnahme das Sprayen aufgeben.
Werden Minderjährige anders bestraft als Volljährige?
Nein, denn die Eltern sind nicht dazu verpflichtet für den
Sachschaden aufzukommen. Jeder gefasste Sprayer muss die Konsequenzen
selber tragen. Dabei können Schulden von einer halben Millionen
Mark entstehen. Daran trägt der Betroffene ein Leben lang,
die Zinsen fressen einen auf. Außerdem schrecken Arbeitgeber
die Gehaltspfändungen oft ab. Mir ist jedoch kein Fall bekannt,
in dem ein Jugendlicher ins Gefängnis musste. Dafür müsste
jemand schon sehr viele und schwere Delikte ausgeführt haben.
Wie erfolgreich war die SoKo bisher?
Unseren Erfolg kann man schlecht in Zahlen, wie der Menge der Anzeigen
im Zusammenhang mit Graffiti, ausdrücken. Nach unseren Erkenntnissen
ist die Aktivität der Sprayer um etwa 50 Prozent zurückgegangen.
Die Stadt Hamburg hat trotzdem noch einen jährlichen Schaden
von 15 Millionen Mark zu verzeichnen, drei Millionen davon allein
an der Hochbahn.
Was glauben Sie, warum Jugendliche zur Spraydose greifen?
Das entsteht aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus. Die
Jugendlichen suchen Anerkennung in der Gruppe. Sie werben mit ihrem
Namen für sich selbst, wollen sich so Beachtung verschaffen.
Im Grunde sind 90 Prozent von ihnen nicht in der Lage, gute Bilder
zu machen. Aber darum geht es auch gar nicht. Das Bild ist nebensächlich,
der sichtbare Name ist das, was zählt.
Erkennen Sie Graffiti als eine Form von Kunst an?
Nein. Denn Graffiti ist kein Denkwerk, sondern eine graphische
Übung. Jeder, der ein bisschen Talent besitzt, kann Graffitis
malen. Der Meinung sind auch anerkannte Künstler.
Versuchen Sie den Sprayern legale Plätze nahe zu legen?
Anfangs dachten wir, legale Plätze wären sinnvoll, doch
mittlerweile halten wir nicht mehr viel davon. Die Plätze sind
meist nicht betreut und befinden sich in Lagerhallen oder abgelegenen
Orten. Die Sprayer benutzen solche Orte zum Üben, ansonsten
sind sie uninteressant, da dort kaum jemand ihre Bilder sehen kann.
Außerdem sind solche Plätze oftmals zu klein, dies bedeutet,
dass die Sprayer, für deren Graffitis kein Platz mehr vorhanden
ist, auf die Umgebung ausweichen und dort sprayen.
Warum gibt es Ihrer Meinung nach so wenige weibliche Sprayer?
Zunächst einmal verüben Frauen allgemein weniger Straftaten
als Männer, das spiegelt sich auch im Bereich Graffiti wider.
Vielleicht liegt es daran, dass Frauen überlegter handeln,
sie weniger Mut haben, oder daran, dass sie sich nicht beweisen
müssen. Aber das sind alles Hypothesen, eine genaue Antwort
habe ich auf diese Frage nicht.
Haben Sie Erkenntnisse darüber, wie lange so eine Sprayerkarriere
dauert? Was bewegt Sprayer zum Ausstieg?
Es gibt da Fälle, wo jemand schon mit 13 mit dem Sprayen anfängt
und dann einige Jahre weitermacht. Die meisten hören aber mit
20 oder 21 auf, haben dann eine gewisse Reife erreicht, ältere
Sprayer sind die Ausnahme. Viele hören auch auf, wenn Freunde
oder Bekannte gefasst werden.
Beschreiben Sie bitte Graffiti in drei Worten.
Spaß, Werben, Illegalität. Ein Wort fehlt noch: Kick.
Der Kick gehört dazu.
Zum Thema "Graffiti: Kriminell oder Kunst?":
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