Fragen:
Sandra Narloch
und
Annabelle Walter
Wie lange sprayst du schon?
Ich habe vor etwa vier Jahren angefangen, in U-Bahnen meine Spuren
zu hinterlassen. Richtig gemalt habe ich da noch nicht, erst vor
zwei Jahren habe ich angefangen zu zeichnen und an legalen Wänden
kreativ zu werden.
Wie kamst du dazu?
Als ich anfing, gab es viele in meiner Umgebung, die schon seit
Jahren dabei waren, und so war ich plötzlich mittendrin.
Was reizt dich am illegalen Malen?
Der Platz und die Dreistigkeit. Die illegalen Plätze sind
meistens besser zu sehen und bringen daher mehr Fame. Das mit der
Dreistigkeit ist so ein anderes Ding: Es ist reine Provokation und
Machausübung, an fremden Wänden zu malen. Und wer will
nicht provozieren und Macht besitzen.
Malst du auch legal?
Am Anfang habe ich illegal gemalt, inzwischen konzentriere ich
mich auf das legale Malen, weil ich mir da mehr Zeit lassen kann.
Wurdest du oder einer deiner Freunde schon mal gefasst? Was
hatte das für Konsequenzen?
Da ich selber nie viel illegal gemalt habe, bin ich auch nicht
erwischt worden. Natürlich kenne ich Leute, bei denen das anders
war. Diese Leute haben aber meist wichtige Regeln nicht eingehalten,
haben zum Beispiel an illegalen Plätzen gemalt, an denen viel
Verkehr war. Die haben selber Schuld, dass sie gepackt wurden. Meistens
ist es dann zu Geldstrafen gekommen, mal höher, mal niedriger.
Das hängt meistens auch von der Laune der Richter ab. Manchmal
werden fast blinde Zeugen wieder sehend und können den Angeklagten
überführen.
Wie wirkt sich die Arbeit der SoKo Graffiti auf dich aus?
Natürlich schrecken die ganzen Schikanen von SoKo und BGS
ab, was für mich jedoch nie ein Grund war, nicht illegal zu
malen. Die SoKo hat kaum Ahnung, was Graffiti für uns bedeutet
und versucht Jugendliche zu verunsichern, die vielleicht gerade
die Liebe ihres Lebens gefunden haben.
Glaubst du die SoKo ist in der Lage, Graffiti einzuschränken?
Die SoKo Graffiti kann den guten Leuten einen Scheißdreck
anhaben. Wenn sie irgendwelche Möchtegern-Sprüher catchen:
gerne, aber die wirklich guten, die kriegt ihr nicht.
Hast du Verständnis dafür, wenn sich Leute über
Graffitis ärgern?
Ich kann verstehen wenn die Leute durch die Straßen gehen
und beim Anblick von Graffiti wütend werden. Da sie sich nicht
damit auseinander gesetzt haben können sie auch nichts mit
den Bildern anfangen. Ich persönlich könnte auch gut auf
die Tags verzichten.
Wünscht du dir mehr Akzeptanz für Graffiti in der
Öffentlichkeit? Oder sollte es eine Untergrundbewegung bleiben?
Ich denke das jeder sollte für sich selbst entscheiden. Ich
möchte niemanden zwingen, Graffiti zu lieben, nur weil ich
das tue. Wichtig ist für die Gesellschaft nur, den Horizont
zu erweitern und nicht auf der Stelle stehen zu bleiben. Graffiti
war nie wirklich Untergrund, es gab immer Leute, die es toll fanden,
und welche, die es hassten.
Warum gibt es so wenige weibliche Sprayer?
Ich denke, dass die meisten Mädchen viel Schiss haben. Meistens
sind Sprayer die harten Typen und vergraulen durch ihr Macho-Gehabe.
Außerdem benötigt es Ausdauer, um auf sich aufmerksam
zu machen und die haben viele Mädchen nicht. Trotzdem gibt
es auch coole Frauen die was drauf haben.
Hat sich die Szene in den letzten Jahren verändert?
Graffiti darf man nicht mit Kunst verwechseln, Graffiti ist eine
Subkultur. Jede Subkultur muss sich entwickeln, und so verändert
sich auch Graffiti. Heute gibt es ganz andere Möglichkeiten,
ein Bild zu malen als früher, die Dosen sind viel besser. Man
hat also ganz andere Möglichkeiten. Natürlich haben sich
auch die Leute verändert. Es gibt viele Kids, die keine Ahnung
haben und sich als real bezeichnen.
Beschreibe bitte Graffiti in drei Worten.
Crazy, sexy, cool.

"Die SoKo kann den guten Leuten
einen Scheißdreck anhaben"
Foto: Matthew Simmons
Zum Thema "Graffiti: Kriminell oder Kunst?":
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